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Whistleblowers – der wissenschaftlichen Verantwortung verpflichtet

Die Universitäten sind berufen, der wissenschaftlichen Forschung und Lehre zu dienen und hiedurch auch verantwortlich zur Lösung der Probleme des Menschen sowie zur gedeihlichen Entwicklung der Gesellschaft und der natürlichen Umwelt beizutragen".

Dieser Leitsatz (§ 1 UG02) und damit die oberste Zweckbestimmung der Universitäten überlebte selbst die Gehrerische Universitätsreform von 2002. Es handelt sich dabei sowohl um eine Verpflichtung der Institution Universität als auch um eine Verpflichtung der Universitätsangehörigen in Ausübung ihrer Dienstverpflichtungen. Daher darf niemand gegen ihr oder sein Gewissen zur Mitwirkung bei einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten verhalten werden (§ 105 UG02).

Was auf den ersten Blick wie die Erfüllung des Universitätszweckes selbst aussieht, ist jedoch bei näherer Betrachtung nur eine passive Ablehnungsmöglichkeit gegen Fehlentwicklungen an den Universitäten. Es berechtigt im Falle eines Konflikts zwischen dem eigenen Gewissen und den Vorstellungen der Leitungsorgane aber nicht zu einem aktiven Handeln – so erwächst daraus kein Recht die Öffentlichkeit über die Auwirkung von Forschungsaktivitäten, die der Umwelt oder der Gesellschaft schaden könnten, in Kenntnis zu setzen. Die Idee nach aktiver Verhinderung von Fehlentwicklungen im wissenschaftlichen und technologischen Bereich – den sogenannten „Whistleblowers” – ist jedoch nichts Neues. Warum ist dies jedoch erforderlich?

Wissenschaft steht unter dem Zwang ständig neu erlangte Erkenntnisse zu produzieren. Daher ist der wissenschaftliche und technische Erkenntnisprozess ein Wert an sich, der zunächst in einer neutralen Betrachtung allgemein gut geheißen wird. Jedoch können diese Erkenntnisse zu sehr drastischen Folgen führen. Denken wir nur einmal an die Entwicklung der Atombombe. Wer an wissenschaftlichen Entwicklungen teilnimmt, kann deshalb nicht nur einem Erkenntnisprozess als Selbstzweck verpflichtet sein, sondern hat eine enorme Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Da die Wissenschaft in einer immer komplexeren Entwicklung – vor allem hinsichtlich industrieller und militärischer Aspekte – mitwirkt, auf die sie kaum einen Einfluss hat, reicht eine Selbstkontrolle durch den Einzelnen nicht mehr aus.

Bereits 1974 hat die UNESCO (United Nation Educational, Scientific and Cultural Organization) folgende Empfehlung verabschiedet:

Auszug: „Die Mitgliedstaaten müssen sich bemühen, Bedingungen zu fördern, unter denen die Forscherinnen und Forscher mit der Unterstützung der öffentlichen Behörden die Verantwortung und das Recht haben [...] sich frei über den menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Wert gewisser Vorhaben zu äußern und sich allenfalls aus diesen Vorhaben zurückzuziehen, wenn ihr Gewissen es ihnen gebietet”.

Das Vereinigte Königreich ist dieser Empfehlung mit dem Public Interest Disclosure Act am weitesten nachgekommen. Er gilt für alle ArbeitnehmerInnen unabhängig von der Art der Anstellung und ermöglicht das Veröffentlichen von Nachlässigkeiten bei Gesundheitsrisiken, betrieblicher Sicherheit und Umwelt. In Kanada geht der auf den Bereich der öffentliche Forschung beschränkte Whistleblower Protection Act bei einigen Fehlentwicklung so weit, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung trotz vertraglicher Vertraulichkeitsklauseln ohne Konsequenzen besteht – weder kann der Vertrag dadurch aufgelöst, noch Schadensersatz verlangt werden.

Verbundene Dokumente

UNESCO-Erklärung 1974
UNESCO-Erklärung 1999